Harz 1 2 3 4
04.04.2026 Hohegeiß – Schierke
Nach dem Frühstück mit Teilchen und Kaffee von Mikes Brötchen- und Kaffee-Laden und einem Thüringer-Wandergruppen-Foto, das „Schnucki“ gemacht hat (den Namen hat Dietrich unserem Mikes-Fewo-Hausmeister gegeben), fing unsere 2. Osterwanderetappe von Hohegeiß nach Schierke bei feucht-frischen 7 °C an. Unser Ziel Schierke liegt eigentlich nur 11 km Luftlinie nördlich, aber an der Grenze entlang läppert es sich dann auf 17 km zusammen.
Erst mal erreicht man am nördlichen Ortsrand von Hohegeiß den Grenz-Imbiss (das war noch zu früh für uns, obwohl, so’n Frühschoppen mit einem Bier „Staatsreserve“, die letzte Rettung, gebraut nach dem Deutschen Einheitsgebot von 1989, aber es war eh noch zu). Der Harzklub Hohegeiß scheint sehr aktiv zu sein, jedenfalls gibt es in der Umgebung viele Wegweiser, Hinweisschilder und Infotafeln, die über Sehenswürdigkeiten, Ereignisse, historische oder landschaftliche Besonderheiten informieren. Das sind oft auffällige gelbe Schilder in Tannenbaumform (Dennert-Tanne) mit kompakten Infos oder auch Schautafeln mit etwas ausführlicheren Hintergrundinformationen z.B. die Grenz-Information am Parkplatz Hohegeiß. Der Kleinert-Stein am Ende des Parkplatzes erinnert eine Grenztragödie: Unter Anteilnahme von etwa 200 West-Besuchern des Grenzparkplatzes wurde am 01.08.1963 150 m entfernt der 23jährige Helmut Kleinert aus Quedlinburg beim Fluchtversuch in den Westen von DDR-Grenzsoldaten erschossen, seine schwangere Frau war bereits vorher festgenommen worden (todesopfer.eiserner-vorhang.de/…) Kurz nach dem Parkplatz wechselte unser Grünes-Band-Weg wieder nach Osten auf den ehemaligen DDR-Kolonnenweg. Rund 2,5 km geht es ziemlich gerade, aber auf und ab Richtung Norden: auf der linken westlichen Seite des Kolonnenwegs ist der ehemals freigeschnittene Grenzstreifen mit 35jährigem Anflugfichtenwald bewachsen, rechts zeugen große Kahlflächen vom Absterben des alten Harzwaldes. Seit 2018 sind durch Wärme, Trockenheit und Borkenkäferbefall etwa 90 % der ehemaligen Fichtenmonokulturen abgestorben. Der Baumbewuchs an der Grenze hat sich zu früher ziemlich umgekehrt.
3,5 km nach dem Start in Hohegeiß kommt man am Kolonnenweg zum „Ring der Erinnerung“, ein Kunstprojekt von 1993 des Landschaftskünstlers Herman Prigann: der ursprüngliche kreisrunde Wall von aufgeschichteten Totholzstämmen (70 m Durchmesser) mitten im ehemaligen kahlen Grenzstreifen ist inzwischen ringförmig mit Bäumen überwachsen. Der natürliche Bewuchs soll die Vergänglichkeit künstlicher Grenzen und das Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten symbolisieren. Das Kunstwerk gehört zum Freiland-Grenzmuseum Sorge: der Verein Grenzmuseum Sorge e.V. hat neben einem kleinen Museum im ehemaligen Bahnhof Sorge die sogenannte Grenzlandschaft: das sind die originalen ehemaligen Grenzanlagen der DDR als Zeitzeugnisse: ein Grenz- und Signalzaun mit Hundelaufbahn und Beobachtungsbunkern zu Beginn der 500-m-Grenzzone gleich hinter dem Grenzort Sorge und ein weiterer Sperr-Signalzaun mit Selbstschussanlagen (wurden Gottseidank abgebaut), B9-Beobachtungsturm (Betonturm 2 x 2 m Querschnitt, 9 m Höhe), Kolonnenweg, sichtfrei gehaltener Grenzstreifen, umgepflügter und geeggter Spurenkontrollstreifen, Grenztore und Grenzpfähle direkt an der ehemaligen Grenze. Die schwarz-rot-gelb gestreiften Grenzpfähle mit DDR-Emblem markieren den tatsächlichen Grenzverlauf, zuerst in etwa 1 m Abstand zur Grenze gesetzt, wegen fortwährender Beschädigungen später auf 5 – 10 m ins ehemalige DDR-Gebiet zurückversetzt. Wir haben nur den Grenzmuseumsbereich direkt am Grenz-Kolonnenweg gesehen, denn unsere Grünes-Band-Wanderroute ging nicht über Sorge, sondern entlang der Grenze nach Norden zum Gebirgsbach Warme Bode. Das Grenzflüsschen kann man auf einer Behelfsbrücke aus Grenzzaunelementen überqueren, auf der anderen Seite der Hochharzstraße B242 (die zu DDR-Zeiten natürlich abgeriegelt war) geht der Grenzweg parallel zur Warmen Bode weiter bergauf nach Norden.
Etwa 1 km oberhalb der Fluss- und Straßenquerung haben wir einen Aufforstungstrupp getroffen: das waren 4-5 Leute der Firma Gvema aus Litauen. Der junge Chef des Trupps Robert Salvinskij sagte (glaub ich), dass sie in diesem Jahr 400 000 Bäumchen diesseits der Warmen Bode und 200 000 auf der anderen Seite pflanzen. Moni hat sich natürlich nicht nehmen lassen, selbst ein Bäumchen zu pflanzen und den Robert auszufragen, der aber sehr freundlich Auskunft gegeben hat. Was man im Web so alles erfährt: Robert Salvinskij kommt aus Vilnius und hatte im Juli 2025 Violeta Ostapenko (jetzt Salvinska) geheiratet – und jetzt schon wieder auf Pflanztour in Deutschland. Die großflächig abgestorbenen Fichtenbestände des Hochharzes werden außer im Nationalpark mit klimatisch widerstandsfähigeren Mischwaldarten aufgeforstet. Im Nationalpark Harz (der auf unserer Route hinter Schierke beginnt) werden die Flächen nicht forstwirtschaftlich bearbeitet (außer wenn Gefahren auf Wegen durch umstürzende Bäume drohen), sondern der Wald bleibt sich selbst überlassen nach dem Naturparkmotto „Natur Natur sein lassen“. Dadurch soll eine natürliche, artenreiche neue Wildnis entstehen. Bis dahin bleibt alles so stehen und liegen wie es will, auch wenn’s wehtut. Nachdem wir auch ein bisschen die Welt gerettet hatten, ging unsere Tour weiter nach Norden Richtung Wurmberg, der gleich neben der Grenze in Niedersachsen liegt. Die Gegenden heißen hier sehr poetisch Kuxlöcher, Goldhof, Buchhaufen, Doktorkopf oder Hohe Wurzel. Irgendwann zweigt die Warme Bode nach Westen in Richtung Braunlage ab und die Grenze geht an einem Nebenbach weiter nord- und aufwärts: im Bremke-Tal. Auf 4,7 km Länge steigt das Bachbett (und damit der Grenzweg) von 513 m bei der Mündung bis auf 805 m an der Quelle zwischen Wurm- (971 m, Niedersachsen) und Kleinem Winterberg (837 m, Sachsen-Anhalt) an. Von der harten Baumpflanzarbeit hatten wir inzwischen Hunger bekommen (ich sogar schon vom bloßen Zugucken). Die Rettung in Form des Cafés Silberfuchsfarm erwies sich als schon jahrelang geschlossen und Bänke/Picknickplätze waren an diesem Grenzabschnitt nicht vorgesehen. Da blieb nichts anderes übrig als ein Schotterpicknick am Wegrand.
Nach weiterem Aufstieg auf dem Kolonnenweg hatten wir am Fuß des Wurmbergs den Picknickplatz Kaffeehorst erreicht (zu spät für uns). Weil wir zur Jugendherberge in Schierke wollten, zweigte unser Weg hier vom Grünen Band nach Osten ab (Schierke liegt etwa 3,5 km Luftlinie nordöstlich vom Wurmberg im Tal der Kalten Bode). Über Kramershai und Ulmer Weg (führt nach Elend) erreicht man die inzwischen entwaldete Hochfläche südlich von Schierke mit Panoramaausblicken zum Wurmberg, Großer Winterberg und Brocken. Am Gegenhang des Brockens zog die Brockenbahn ihre Rauchfahne durch den gelichteten Wald. In der Nähe der Schestorklippen (694 m) am Barenberg zweigt unser Braunlager Weg wieder in Richtung Norden nach Schierke ab. An der Mäuseklippe vorbei erreichten wir das Bergdorf Schierke nach rund 17 km Weg an der Brücke der Alten Dorfstraße über die Kalte Bode. Der Luftkurort Schierke (etwa 500 Einwohner) ist ein Ortsteil von Wernigerode (Sachsen-Anhalt), liegt im Tal der Kalten Bode auf 600 bis 650 m Höhe in einer Sackgasse als letzter Ort vor dem Brocken (und der ehemaligen DDR-Grenze). Der Ort zieht sich ganz schön lang über 2 km durch das Tal bergauf: die Jugendherberge liegt am nordwestlichen Ortsrand ziemlich zuletzt am Waldrand. Unterwegs hatten wir an der alten Apotheke „Zum Roten Fingerhut“ auf den letzten Drücker ein paar Fläschchen des alten Heiltrunks Schierker Feuerstein erwerben können (gabs leider nicht auf Rezept). Im Schierker-Feuerstein-Stammhaus erfand der Apotheker Willy Drube 1908 den Kräuter-Halb-Bitter Schierker Feuerstein (benannt nach dem Wahrzeichen von Schierke, der Feuersteinklippe im Wald in der Nähe des Bahnhofs, etwa 1,5 km außerhalb des Ortes). Das Rezept aus Kräutern und Wurzeln + Weingeist ist bis heute ein Familiengeheimnis in der 5. Generation, die Kräuteraufbereitung ist immer noch im Stammhaus, die Produktion und Abfüllung in Bad Lauterberg. Willy Grubes Grabstein-Spruch: „In dieser Erdengrube ruht Apotheker Drube. Oh Wanderer, eile fort von hier, sonst kommt er raus und trinkt mit Dir!“ Lange haben wir uns aber mit den Schierker-Feuerstein-Fläschchen nicht aufgehalten, das waren nur homöopathische Dosen. Unsere Unterkunft hatten wir als Senioren-Wandergruppe in der Jugendherberge Schierke mit Manuela als Erziehungsberechtigte. Die höchstgelegene Jugendherberge (676 m) Sachsen-Anhalts liegt ganz hinten am Ortsrand an der Brockenstraße. Ursprünglich wurde der 1970er-Jahre Neubaublock 1977 als NVA-Erholungsheim „An der Bode“ direkt am Grenzgebiet eröffnet. Nach der Wende 1989 wurde das Haus grundlegend umgebaut und 1999 als moderne Jugendherberge wiedereröffnet: Es gibt 298 Betten in 74 Zimmern, Billard, Kegelbahn, Sporthalle – ziemlich gut ausgestattet. Beim Essen konnten wir noch feststellen, dass wir das Durchschnittsalter nicht wesentlich noch oben getrieben haben, aber vielleicht kam die Jugend ja auch später. Abendprogramm: Während Manu und Dietrich noch Spaß am Osterfeuer im Schierker Stadtpark hatten, waren die Volleyballfans unter uns dank Peters Dyn-Abo livegestreamt beim sensationellen Heimsieg des VfB Suhl gegen den SC Schwerin im 1. Halbfinalspiel zur Deutschen Volleyball-Meisterschaft der Frauen dabei. Gut, dass wir ein paar Feierbiere dabei hatten und den Schierker Feierstein aus der Alten Apotheke.
Sehr interessante Beiträge zum Thema Harz, Grenze, Brocken, Hohegeiß, Sorge und Elend gibts im Web bei: diegruenegrenze.blog/… (ein Roman von 2017 der US-amerikanischen Schriftstellerin Isabel Fargo Cole, lebt in Berlin).