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05.04.2026 Schierke – Brocken – Bad Harzburg
Ostersonntagmorgen in der Jugendherberge Schierke: die Ostereier waren gerührt oder gekocht bei einem guten Frühstücksbuffet. An der Jugendherberge ist man direkt am Einstieg zum Aufstieg zum Brocken: von 631 auf 1141 m: 510 Höhenmeter auf 6 km Länge. Unser Aufstieg sollte über die Großmutter-Rodelbahn, Alte Bobbahn, Bahnparallelweg, Eckerlochstieg und ein Stück Brockenstraße bis zur Brockenkuppe gehn. Hinter Schierke beginnt der Harz-Nationalpark: abgestorbene Bäume bleiben nach dem Naturparkmotto „Natur Natur sein lassen“ stehen und liegen wie sie wollen (außer, wenn sie auf Wegen gefährlich werden könnten), der gewesene „Wald“ wird nicht bewirtschaftet oder aufgeforstet, sondern soll sich nach den Bedingungen vor Ort natürlich entwickeln. Der Anblick von Baummikado in großflächig abgestorbenen Fichtenwäldern ist wüst, aber es soll besser werden. Beim Aufstieg war mir noch aufgefallen, dass die Rodelbahn für Großmütter viel steiler als die Bobbahn war, vielleicht von der Rentenversicherung gesponsert. Von den Wanderwegen nördlich oberhalb von Schierke hatte man mangels Wald jede Menge Aussicht: runter zur Jugendherberge Schierke und über das Tal der Kalten Bode hinweg nach Süden zum Wurmberg sowie Kleinen und Großen Winterberg, wo wir gestern hergekommen waren. Nach etwa 1,5 km Aufstiegsweg erreicht man die Gleise der Brockenbahn, die sich von Schierke kommend langsam am Brockenhang bergauf windet. In der Hoffnung, mal eine Brocken-Dampflokbahn von Nahem zu sehen, sind wir dann den Bahnparallelweg weiter gegangen. Auf 2,3 km Länge folgt der Weg den Bahngleisen etwas oberhalb in einem Abstand von etwa 20-40 m. Auch an diesem Weg hatten wir weite, ungetrübte Aussichten. Leider zu ungetrübt, die Qualmwolken der Brockenbahn fehlten bisher. Aber am Ende des Bahnparallelwegs hatten wir dann tatsächlich noch Glück und der 11:03 Uhr ab Schierke schnaufte, rauchte, dampfte und ratterte um 11:17 Uhr um die Wendekurve am Eckerloch. Das wurde aber höchste Eisenbahn, denn etwas später hätten wir das Dampflok-Spektakel nicht mehr sehen können. Aber so ganz gesund kann das für den Wald auch nicht sein. Welchen Wald? Jedenfalls konnten wir nach diesem Eisenbahnromantik-Highlight beruhigt unseren Aufstieg zum Brocken fortsetzen. Der Weg am Eckerlochstieg war aber eher ein Bachbett als ein Wanderweg.
Trotzdem kamen wir getreu dem Grünes-Band-Wander-Motto „die Höhe ist schnell erreicht“ nach 2 Stunden Wanderung ab Schierke pünktlich zum Mittag um 12 auf dem Brockenplateau an (wie auch einige hundert andere Osterwanderer). Nur, dass es eben kein Mittag gab, der Brocken war eine Versorgungswüste: Die Gaststätte „Der Brockenwirt“ im Bahnhof war heillos überfüllt, der Außenbereich war bei 6°C und Wind auch keine gute Option für Bratwurst mit Pommes, das Brockenhotel hatte samt Touristensaal wegen Betreiberwechsel geschlossen, dass es im Infozentrum Brockenhaus das Café Hexenflug gibt haben wir nicht gewußt (hätte uns vermutlich wegen Andrangs auch nichts gebracht). So mussten Monis Brockenhasen und die Hasenbrote vom Frühstück für den größten Hunger herhalten. Unsere Zuflucht war ein Windfang am Hintereingang des Brockenhauses. Mit ist schleierhaft, wieso der Brocken mit jährlich etwa 2 Millionen Besuchern eines der meistbesuchten touristischen Ziele in Deutschland ist. Der Brocken ist der höchste Berg Norddeutschlands, der windigste Ort Deutschlands (können wir bestätigen), mit 300 Nebeltagen im Jahr der nebligste Berg Deutschlands (aber sonst hat man eine prima 360°-Rundumsicht), der nasseste im nördlichen Mitteleuropa, das Wetter ist mit Island vergleichbar, also ein hervorragendes Ausflugsziel. Touristisch erschlossen wurde der Berg im 18./19. Jahrhundert: erste dokumentierte Besteigung um 1460, 1736 Bau des Wolkenhäuschens als Schutzunterkunft (dieser Schutz wurde allerdings von einigen unserer Wandergruppe abgelehnt, wieso eigentlich?), 1777 bestieg Goethe während seiner Harzreise den Brocken, um 1800 erstes Gasthaus errichtet, 1862 neues Brockenhotel, 1890 Brockengarten, 1899 Brockenbahn, 1936 Fernsehturm, 1937 Naturschutzgebiet Oberharz. Am Ende des 2. Weltkriegs wurde der Brocken von den Amerikanern bombardiert und dann eingenommen, kurz darauf an die Russen übergeben. In den 1950er Jahren blieb der Brocken außer den militärischen Anlagen zugänglich, ab 1955 mit Passierschein. Während der DDR-Zeit ab 1961 wurde der Berggipfel mit einer Betonmauer abgeriegelt und damit für die normale Bevölkerung unzugängliches militärisches Sperrgebiet: Stationierungsort der 7. DDR-Grenzkompanie Schierke und Abhörstation gen Westen des sowjetischen Militärgeheimdienstes GRU. Während der Wende wurde das Sperrgebiet am 3. Dezember 1989 geöffnet, weil etwa 3000 Sternwanderer aus der Umgebung das forderten. Insofern ist es ja schon ein gewisses Erlebnis, dass man überhaupt da hoch laufen (oder brockenbahnfahren) kann. Wir machten noch schnell ein paar Fotos am Brockengipfelstein (mit hochgerechnetem Höhenstrich auf 1142 m) und dann nix wie runter vom ungemütlichsten Berg Norddeutschlands.
Unsere Tour führte uns auf der entgegengesetzten Seite zur Brockenstraße auf dem Hirtenstieg (oder Heinrich-Heine-Weg) nach Norden abwärts in Richtung Eckerstausee. Hirten und Heinrich Heine dürften dort als wenigste langgekommen sein, eher DDR-Grenzer, denn es ist ein Kolonnenweg mit Betonlochplatten. Über 4 km geht der ziemlich gerade und gleichmäßig 500 Höhenmeter abwärts (auch kein Spaß): von 1141 m auf 632 m am Frickenplatz beim Scharfenstein. Und, ein Wunder, in diesem abgeschiedenen Waldgebiet am Arsch des früheren Brocken-Grenzgebiets stand auf einer lieblichen Waldlichtung wie eine Fatamorgana die geöffnete Nationalpark-Rangerstation und Rasthütte Am Scharfenstein mit Imbissangebot. Da mussten wir erst mal für Umsatz sorgen. Etwa 1,5 km weiter durch mehr oder weniger entwaldeten Wald kommt man zum Ufer des Eckerstausees mit einigen Aussichtspunkten über den See zum Brocken und nach weiteren 1,5 km standen wir auf der Staumauer der Eckertalsperre an diesem Tag zum ersten und einzigen Mal direkt am Grünen Band der ehemaligen DDR-Grenze. Die ganze Tagestour von Schierke über den Brocken bis zum Eckerstausee lag ja auf ehemaligem DDR-Gebiet meist so 2 km vom tatsächlichen Grenzverlauf östlich entfernt. Im Brockengebiet wurde die Grenze durch das Flüsschen Ecker markiert, ging mittig durch den Eckerstausee und weiter nach Eckertal (Niedersachsen) / Stapelburg (Sachsen-Anhalt). Der Eckerstausee liegt mitten im (Un)Waldgebiet zwischen Brocken und Bad Harzburg (in Niedersachsen). Die Gewichtsstaumauer wurde 1939-43 gebaut (420.000 t). Die Talsperre dient der Trinkwasserversorgung (bis Wolfenbüttel, Braunschweig, Wolfsburg), zum Hochwasserschutz und als Wasserkraftwerk durch die HarzWasserWerke Hildesheim. Für alle Harzer Wandernadler: die Eckertalsperre-Staumauer ist die Stempelstelle Nr. 1. Auf unserer Brockentour hatten wir an diesem Tag das Grüne Band (Harzer Grenzweg) nur auf der Staumauer gekreuzt und sind dann in den Westen rübergemacht, denn unsere nächste Unterkunft war in Bad Harzburg, ein Solebadort in Niedersachsen. Bis zur Eckertalsperre hatten wir ab Schierke etwa 13,5 km Wanderstrecke mit 500 m Auf- und 600 m Abstieg gemacht. Bis nach Harzburg waren es noch mal 6 km durch den Wald an der Waldgaststätte Molkenhaus vorbei. Ich hatte schon bei der Tourplanung gedacht, dass man nach 16 km Wanderung am Molkenhaus einkehren (wäre schön gewesen) und von da aus mit dem Wanderbus 875 „Der grüne Harzer“ nach Bad Harzburg fahren könnte. Das mit dem Molkenhaus hat mangels Zeit nicht geklappt, aber den Bus (ab Waldspielplatz beim Molkenhaus) haben Manu und ich gekriegt. Die anderen Mitläufer wollten die restlichen 3,5 km auch noch abwandern.
Am Ende sind wir fast gleichzeitig bei unserer Unterkunft im Stadtparkhotel Alexandra in Bad Harzburg angekommen. Das Stadtparkhotel ist ein kleines hübsches historisches Gründerzeit-Haus von 1920, als das Solebaden in Bad Harzburg groß in Mode war. Ende 19./Anfang 20. Jahrhundert war der kleine Ort nämlich sehr angesagt und erlangte den Status eines Weltbades und erhielt Stadtrecht. Inzwischen sind’s in allen Ortsteilen etwa 20.000 Einwohner (2024), in der Innenstadt etwa 10.000. Das einige Zeit ungenutzte Haus des Stadtparkhotels wurde 2017 von Robby Chmiel zusammen mit Alexandra Fricke nach Renovierung neu eröffnet. Die Chefin Alexandra hat das Haus mit vielen Ideen gestaltet. Die 11 Zimmer sind individuell thematisch gestaltet und ausgestattet: Hochzeitszimmer, Blaue Stunde, Rosenzimmer, Maskerade, Lüsterne Träume… Alles ist irgendwie gemütlich, romantisch, historisch-stilvoll, manchmal ein bisschen zu plüschig und mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Unser Rosenzimmer war gottseidank eines der „schlichten“, hell-freundlichen und nicht ganz so üppig ausgestatteten Zimmer. Dieses relativ kleine, privat geführte Hotel war wirklich ein Glücksgriff. Unbedingt erwähnen muss man das sensationelle Frühstück in den feudalen „Morgenspeise“-Räumen. Am Abend vorher kann man wählen, welche besonderen Wünsche man zusätzlich zu den sowieso schon reichlichen Wurst-, Käse- und Obsttellern man hat. Und am nächsten Morgen steht alles wie im Schlaraffenland an deinem eingedeckten Platz oder wird sogleich frisch serviert – ein Servicetraum (wenn ich im Vergleich dazu an die Brockengastronomie denke…) Aber soweit wars an diesem Abend noch nicht, wir mussten in der gaststättenreichen Fußgängerzone von Bad Harzburg erst noch auf Nahrungssuche gehen. Am Ostersonntagabend ist das mit 8 Leuten ohne Reservierung selbst bei ungefähr 20 Restaurants an der Herzog-Wilhelm-Straße nicht einfach. Obwohl ich erst chinesisch-skeptisch war, haben wir uns dann nach der sechsten Leider-voll-Absage auf einen Runden Tisch im Golden Palast geeinigt. Nicht die schlechteste Idee, wenn großer Hunger auf reichliche Auswahl des All-You-Can-Eat-Buffets von Familie Tang trifft.