03.-06.04.2026 Osterwanderung Grünes Band: Harz (3)

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05.04.2026 SchierkeBrockenBad Harzburg

Aufstieg von Schierke zum Brocken

Ostersonntagmorgen in der Jugendherberge Schierke: die Ostereier waren gerührt oder gekocht bei einem guten Frühstücksbuffet. An der Jugendherberge ist man direkt am Einstieg zum Aufstieg zum Brocken: von 631 auf 1141 m: 510 Höhenmeter auf 6 km Länge. Unser Aufstieg sollte über die Großmutter-Rodelbahn, Alte Bobbahn, Bahnparallelweg, Eckerlochstieg und ein Stück Brockenstraße bis zur Brockenkuppe gehn. Hinter Schierke beginnt der Harz-Nationalpark: abgestorbene Bäume bleiben nach dem Naturparkmotto „Natur Natur sein lassen“ stehen und liegen wie sie wollen (außer, wenn sie auf Wegen gefährlich werden könnten), der gewesene „Wald“ wird nicht bewirtschaftet oder aufgeforstet, sondern soll sich nach den Bedingungen vor Ort natürlich entwickeln. Der Anblick von Baummikado in großflächig abgestorbenen Fichtenwäldern ist wüst, aber es soll besser werden. Beim Aufstieg war mir noch aufgefallen, dass die Rodelbahn für Großmütter viel steiler als die Bobbahn war, vielleicht von der Rentenversicherung gesponsert. Von den Wanderwegen nördlich oberhalb von Schierke hatte man mangels Wald jede Menge Aussicht: runter zur Jugendherberge Schierke und über das Tal der Kalten Bode hinweg nach Süden zum Wurmberg sowie Kleinen und Großen Winterberg, wo wir gestern hergekommen waren. Nach etwa 1,5 km Aufstiegsweg erreicht man die Gleise der Brockenbahn, die sich von Schierke kommend langsam am Brockenhang bergauf windet. In der Hoffnung, mal eine Brocken-Dampflokbahn von Nahem zu sehen, sind wir dann den Bahnparallelweg weiter gegangen. Auf 2,3 km Länge folgt der Weg den Bahngleisen etwas oberhalb in einem Abstand von etwa 20-40 m. Auch an diesem Weg hatten wir weite, ungetrübte Aussichten. Leider zu ungetrübt, die Qualmwolken der Brockenbahn fehlten bisher. Aber am Ende des Bahnparallelwegs hatten wir dann tatsächlich noch Glück und der 11:03 Uhr ab Schierke schnaufte, rauchte, dampfte und ratterte um 11:17 Uhr um die Wendekurve am Eckerloch. Das wurde aber höchste Eisenbahn, denn etwas später hätten wir das Dampflok-Spektakel nicht mehr sehen können. Aber so ganz gesund kann das für den Wald auch nicht sein. Welchen Wald? Jedenfalls konnten wir nach diesem Eisenbahnromantik-Highlight beruhigt unseren Aufstieg zum Brocken fortsetzen. Der Weg am Eckerlochstieg war aber eher ein Bachbett als ein Wanderweg.

Das ist der Gipfel: der Brocken

Trotzdem kamen wir getreu dem Grünes-Band-Wander-Motto „die Höhe ist schnell erreicht“ nach 2 Stunden Wanderung ab Schierke pünktlich zum Mittag um 12 auf dem Brockenplateau an (wie auch einige hundert andere Osterwanderer). Nur, dass es eben kein Mittag gab, der Brocken war eine Versorgungswüste: Die Gaststätte „Der Brockenwirt“ im Bahnhof war heillos überfüllt, der Außenbereich war bei 6°C und Wind auch keine gute Option für Bratwurst mit Pommes, das Brockenhotel hatte samt Touristensaal wegen Betreiberwechsel geschlossen, dass es im Infozentrum Brockenhaus das Café Hexenflug gibt haben wir nicht gewußt (hätte uns vermutlich wegen Andrangs auch nichts gebracht). So mussten Monis Brockenhasen und die Hasenbrote vom Frühstück für den größten Hunger herhalten. Unsere Zuflucht war ein Windfang am Hintereingang des Brockenhauses. Mit ist schleierhaft, wieso der Brocken mit jährlich etwa 2 Millionen Besuchern eines der meistbesuchten touristischen Ziele in Deutschland ist. Der Brocken ist der höchste Berg Norddeutschlands, der windigste Ort Deutschlands (können wir bestätigen), mit 300 Nebeltagen im Jahr der nebligste Berg Deutschlands (aber sonst hat man eine prima 360°-Rundumsicht), der nasseste im nördlichen Mitteleuropa, das Wetter ist mit Island vergleichbar, also ein hervorragendes Ausflugsziel. Touristisch erschlossen wurde der Berg im 18./19. Jahrhundert: erste dokumentierte Besteigung um 1460, 1736 Bau des Wolkenhäuschens als Schutzunterkunft (dieser Schutz wurde allerdings von einigen unserer Wandergruppe abgelehnt, wieso eigentlich?), 1777 bestieg Goethe während seiner Harzreise den Brocken, um 1800 erstes Gasthaus errichtet, 1862 neues Brockenhotel, 1890 Brockengarten, 1899 Brockenbahn, 1936 Fernsehturm, 1937 Naturschutzgebiet Oberharz. Am Ende des 2. Weltkriegs wurde der Brocken von den Amerikanern bombardiert und dann eingenommen, kurz darauf an die Russen übergeben. In den 1950er Jahren blieb der Brocken außer den militärischen Anlagen zugänglich, ab 1955 mit Passierschein. Während der DDR-Zeit ab 1961 wurde der Berggipfel mit einer Betonmauer abgeriegelt und damit für die normale Bevölkerung unzugängliches militärisches Sperrgebiet: Stationierungsort der 7. DDR-Grenzkompanie Schierke und Abhörstation gen Westen des sowjetischen Militärgeheimdienstes GRU. Während der Wende wurde das Sperrgebiet am 3. Dezember 1989 geöffnet, weil etwa 3000 Sternwanderer aus der Umgebung das forderten. Insofern ist es ja schon ein gewisses Erlebnis, dass man überhaupt da hoch laufen (oder brockenbahnfahren) kann. Wir machten noch schnell ein paar Fotos am Brockengipfelstein (mit hochgerechnetem Höhenstrich auf 1142 m) und dann nix wie runter vom ungemütlichsten Berg Norddeutschlands.

Runter vom Brocken nach Bad Harzburg

Unsere Tour führte uns auf der entgegengesetzten Seite zur Brockenstraße auf dem Hirtenstieg (oder Heinrich-Heine-Weg) nach Norden abwärts in Richtung Eckerstausee. Hirten und Heinrich Heine dürften dort als wenigste langgekommen sein, eher DDR-Grenzer, denn es ist ein Kolonnenweg mit Betonlochplatten. Über 4 km geht der ziemlich gerade und gleichmäßig 500 Höhenmeter abwärts (auch kein Spaß): von 1141 m auf 632 m am Frickenplatz beim Scharfenstein. Und, ein Wunder, in diesem abgeschiedenen Waldgebiet am Arsch des früheren Brocken-Grenzgebiets stand auf einer lieblichen Waldlichtung wie eine Fatamorgana die geöffnete Nationalpark-Rangerstation und Rasthütte Am Scharfenstein mit Imbissangebot. Da mussten wir erst mal für Umsatz sorgen. Etwa 1,5 km weiter durch mehr oder weniger entwaldeten Wald kommt man zum Ufer des Eckerstausees mit einigen Aussichtspunkten über den See zum Brocken und nach weiteren 1,5 km standen wir auf der Staumauer der Eckertalsperre an diesem Tag zum ersten und einzigen Mal direkt am Grünen Band der ehemaligen DDR-Grenze. Die ganze Tagestour von Schierke über den Brocken bis zum Eckerstausee lag ja auf ehemaligem DDR-Gebiet meist so 2 km vom tatsächlichen Grenzverlauf östlich entfernt. Im Brockengebiet wurde die Grenze durch das Flüsschen Ecker markiert, ging mittig durch den Eckerstausee und weiter nach Eckertal (Niedersachsen) / Stapelburg (Sachsen-Anhalt). Der Eckerstausee liegt mitten im (Un)Waldgebiet zwischen Brocken und Bad Harzburg (in Niedersachsen). Die Gewichtsstaumauer wurde 1939-43 gebaut (420.000 t). Die Talsperre dient der Trinkwasserversorgung (bis Wolfenbüttel, Braunschweig, Wolfsburg), zum Hochwasserschutz und als Wasserkraftwerk durch die HarzWasserWerke Hildesheim. Für alle Harzer Wandernadler: die Eckertalsperre-Staumauer ist die Stempelstelle Nr. 1. Auf unserer Brockentour hatten wir an diesem Tag das Grüne Band (Harzer Grenzweg) nur auf der Staumauer gekreuzt und sind dann in den Westen rübergemacht, denn unsere nächste Unterkunft war in Bad Harzburg, ein Solebadort in Niedersachsen. Bis zur Eckertalsperre hatten wir ab Schierke etwa 13,5 km Wanderstrecke mit 500 m Auf- und 600 m Abstieg gemacht. Bis nach Harzburg waren es noch mal 6 km durch den Wald an der Waldgaststätte Molkenhaus vorbei. Ich hatte schon bei der Tourplanung gedacht, dass man nach 16 km Wanderung am Molkenhaus einkehren (wäre schön gewesen) und von da aus mit dem Wanderbus 875 „Der grüne Harzer“ nach Bad Harzburg fahren könnte. Das mit dem Molkenhaus hat mangels Zeit nicht geklappt, aber den Bus (ab Waldspielplatz beim Molkenhaus) haben Manu und ich gekriegt. Die anderen Mitläufer wollten die restlichen 3,5 km auch noch abwandern.

Bei Alexandra und Familie Tang in Bad Harzburg

Am Ende sind wir fast gleichzeitig bei unserer Unterkunft im Stadtparkhotel Alexandra in Bad Harzburg angekommen. Das Stadtparkhotel ist ein kleines hübsches historisches Gründerzeit-Haus von 1920, als das Solebaden in Bad Harzburg groß in Mode war. Ende 19./Anfang 20. Jahrhundert war der kleine Ort nämlich sehr angesagt und erlangte den Status eines Weltbades und erhielt Stadtrecht. Inzwischen sind’s in allen Ortsteilen etwa 20.000 Einwohner (2024), in der Innenstadt etwa 10.000. Das einige Zeit ungenutzte Haus des Stadtparkhotels wurde 2017 von Robby Chmiel zusammen mit Alexandra Fricke nach Renovierung neu eröffnet. Die Chefin Alexandra hat das Haus mit vielen Ideen gestaltet. Die 11 Zimmer sind individuell thematisch gestaltet und ausgestattet: Hochzeitszimmer, Blaue Stunde, Rosenreich, Maskerade, Muschelzimmer, Kleines Himmelreich, Lüsterne Träume… Alles ist irgendwie gemütlich, romantisch, historisch-stilvoll, manchmal ein bisschen zu plüschig und mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Unser Rosenreich war gottseidank eines der „schlichten“, hell-freundlichen und nicht ganz so üppig ausgeschmückten Zimmer. Dieses relativ kleine, privat geführte Hotel war wirklich ein Glücksgriff. Unbedingt erwähnen muss man das sensationelle Frühstück in den feudalen „Morgenspeise“-Räumen. Am Abend vorher kann man wählen, welche besonderen Wünsche man zusätzlich zu den sowieso schon reichlichen Wurst-, Käse- und Obsttellern man hat. Und am nächsten Morgen steht alles wie im Schlaraffenland an deinem eingedeckten Platz oder wird sogleich frisch serviert – ein Servicetraum (wenn ich im Vergleich dazu an die Brockengastronomie denke…) Aber soweit wars an diesem Abend noch nicht, wir mussten in der gaststättenreichen Fußgängerzone von Bad Harzburg erst noch auf Nahrungssuche gehen. Am Ostersonntagabend ist das mit 8 Leuten ohne Reservierung selbst bei ungefähr 20 Restaurants an der Herzog-Wilhelm-Straße nicht einfach. Obwohl ich erst chinesisch-skeptisch war, haben wir uns dann nach der sechsten Leider-voll-Absage auf einen Runden Tisch im Golden Palast geeinigt. Nicht die schlechteste Idee, wenn großer Hunger auf reichliche Auswahl des All-You-Can-Eat-Buffets von Familie Tang trifft.

Osterwanderung Grünes Band 2026: Harz: Hohegeiß: Thüringer Wandergruppe vor Mikes Fewo (Foto: Schnucki)

03.-06.04.2026 Osterwanderung Grünes Band: Harz (2)

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04.04.2026 Hohegeiß – Schierke

Nach dem Frühstück mit Teilchen und Kaffee von Mikes Brötchen- und Kaffee-Laden und einem Thüringer-Wandergruppen-Foto, das „Schnucki“ gemacht hat (den Namen hat Dietrich unserem Mikes-Fewo-Hausmeister gegeben), fing unsere 2. Osterwanderetappe von Hohegeiß nach Schierke bei feucht-frischen 7 °C an. Unser Ziel Schierke liegt eigentlich nur 11 km Luftlinie nördlich, aber an der Grenze entlang läppert es sich dann auf 17 km zusammen.

Grenzdorf Hohegeiß

Erst mal erreicht man am nördlichen Ortsrand von Hohegeiß den Grenz-Imbiss (das war noch zu früh für uns, obwohl, so’n Frühschoppen mit einem Bier „Staatsreserve“, die letzte Rettung, gebraut nach dem Deutschen Einheitsgebot von 1989, aber es war eh noch zu). Der Harzklub Hohegeiß scheint sehr aktiv zu sein, jedenfalls gibt es in der Umgebung viele Wegweiser, Hinweisschilder und Infotafeln, die über Sehenswürdigkeiten, Ereignisse, historische oder landschaftliche Besonderheiten informieren. Das sind oft auffällige gelbe Schilder in Tannenbaumform (Dennert-Tanne) mit kompakten Infos oder auch Schautafeln mit etwas ausführlicheren Hintergrundinformationen z.B. die Grenz-Information am Parkplatz Hohegeiß. Der Kleinert-Stein am Ende des Parkplatzes erinnert eine Grenztragödie: Unter Anteilnahme von etwa 200 West-Besuchern des Grenzparkplatzes wurde am 01.08.1963 150 m entfernt der 23jährige Helmut Kleinert aus Quedlinburg beim Fluchtversuch in den Westen von DDR-Grenzsoldaten erschossen, seine schwangere Frau war bereits vorher festgenommen worden (todesopfer.eiserner-vorhang.de/…) Kurz nach dem Parkplatz wechselte unser Grünes-Band-Weg wieder nach Osten auf den ehemaligen DDR-Kolonnenweg. Rund 2,5 km geht es ziemlich gerade, aber auf und ab Richtung Norden: auf der linken westlichen Seite des Kolonnenwegs ist der ehemals freigeschnittene Grenzstreifen mit 35jährigem Anflugfichtenwald bewachsen, rechts zeugen große Kahlflächen vom Absterben des alten Harzwaldes. Seit 2018 sind durch Wärme, Trockenheit und Borkenkäferbefall etwa 90 % der ehemaligen Fichtenmonokulturen abgestorben. Der Baumbewuchs an der Grenze hat sich zu früher ziemlich umgekehrt.

Zum Freiland-Grenzmuseum Sorge

3,5 km nach dem Start in Hohegeiß kommt man am Kolonnenweg zum „Ring der Erinnerung“, ein Kunstprojekt von 1993 des Landschaftskünstlers Herman Prigann: der ursprüngliche kreisrunde Wall von aufgeschichteten Totholzstämmen (70 m Durchmesser) mitten im ehemaligen kahlen Grenzstreifen ist inzwischen ringförmig mit Bäumen überwachsen. Der natürliche Bewuchs soll die Vergänglichkeit künstlicher Grenzen und das Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten symbolisieren. Das Kunstwerk gehört zum Freiland-Grenzmuseum Sorge: der Verein Grenzmuseum Sorge e.V. hat neben einem kleinen Museum im ehemaligen Bahnhof Sorge die sogenannte Grenzlandschaft: das sind die originalen ehemaligen Grenzanlagen der DDR als Zeitzeugnisse: ein Grenz- und Signalzaun mit Hundelaufbahn und Beobachtungsbunkern zu Beginn der 500-m-Grenzzone gleich hinter dem Grenzort Sorge und ein weiterer Sperr-Signalzaun mit Selbstschussanlagen (wurden Gottseidank abgebaut), B9-Beobachtungsturm (Betonturm 2 x 2 m Querschnitt, 9 m Höhe), Kolonnenweg, sichtfrei gehaltener Grenzstreifen, umgepflügter und geeggter Spurenkontrollstreifen, Grenztore und Grenzpfähle direkt an der ehemaligen Grenze. Die schwarz-rot-gelb gestreiften Grenzpfähle mit DDR-Emblem markieren den tatsächlichen Grenzverlauf, zuerst in etwa 1 m Abstand zur Grenze gesetzt, wegen fortwährender Beschädigungen später auf 5 – 10 m ins ehemalige DDR-Gebiet zurückversetzt. Wir haben nur den Grenzmuseumsbereich direkt am Grenz-Kolonnenweg gesehen, denn unsere Grünes-Band-Wanderroute ging nicht über Sorge, sondern entlang der Grenze nach Norden zum Gebirgsbach Warme Bode. Das Grenzflüsschen kann man auf einer Behelfsbrücke aus Grenzzaunelementen überqueren, auf der anderen Seite der Hochharzstraße B242 (die zu DDR-Zeiten natürlich abgeriegelt war) geht der Grenzweg parallel zur Warmen Bode weiter bergauf nach Norden.

In den Hochharz: an den Grenzflüssen Warme Bode und Bremke

Etwa 1 km oberhalb der Fluss- und Straßenquerung haben wir einen Aufforstungstrupp getroffen: das waren 4-5 Leute der Firma Gvema aus Litauen. Der junge Chef des Trupps Robert Salvinskij sagte (glaub ich), dass sie in diesem Jahr 400 000 Bäumchen diesseits der Warmen Bode und 200 000 auf der anderen Seite pflanzen. Moni hat sich natürlich nicht nehmen lassen, selbst ein Bäumchen zu pflanzen und den Robert auszufragen, der aber sehr freundlich Auskunft gegeben hat. Was man im Web so alles erfährt: Robert Salvinskij kommt aus Vilnius und hatte im Juli 2025 Violeta Ostapenko (jetzt Salvinska) geheiratet – und jetzt schon wieder auf Pflanztour in Deutschland. Die großflächig abgestorbenen Fichtenbestände des Hochharzes werden außer im Nationalpark mit klimatisch widerstandsfähigeren Mischwaldarten aufgeforstet. Im Nationalpark Harz (der auf unserer Route hinter Schierke beginnt) werden die Flächen nicht forstwirtschaftlich bearbeitet (außer wenn Gefahren auf Wegen durch umstürzende Bäume drohen), sondern der Wald bleibt sich selbst überlassen nach dem Naturparkmotto „Natur Natur sein lassen“. Dadurch soll eine natürliche, artenreiche neue Wildnis entstehen. Bis dahin bleibt alles so stehen und liegen wie es will, auch wenn’s wehtut. Nachdem wir auch ein bisschen die Welt gerettet hatten, ging unsere Tour weiter nach Norden Richtung Wurmberg, der gleich neben der Grenze in Niedersachsen liegt. Die Gegenden heißen hier sehr poetisch Kuxlöcher, Goldhof, Buchhaufen, Doktorkopf oder Hohe Wurzel. Irgendwann zweigt die Warme Bode nach Westen in Richtung Braunlage ab und die Grenze geht an einem Nebenbach weiter nord- und aufwärts: im Bremke-Tal. Auf 4,7 km Länge steigt das Bachbett (und damit der Grenzweg) von 513 m bei der Mündung bis auf 805 m an der Quelle zwischen Wurm- (971 m, Niedersachsen) und Kleinem Winterberg (837 m, Sachsen-Anhalt) an. Von der harten Baumpflanzarbeit hatten wir inzwischen Hunger bekommen (ich sogar schon vom bloßen Zugucken). Die Rettung in Form des Cafés Silberfuchsfarm erwies sich als schon jahrelang geschlossen und Bänke/Picknickplätze waren an diesem Grenzabschnitt nicht vorgesehen. Da blieb nichts anderes übrig als ein Schotterpicknick am Wegrand.

Vom Kaffeehorst am Wurmberg zur Jugendherberge in Schierke

Nach weiterem Aufstieg auf dem Kolonnenweg hatten wir am Fuß des Wurmbergs den Picknickplatz Kaffeehorst erreicht (zu spät für uns). Weil wir zur Jugendherberge in Schierke wollten, zweigte unser Weg hier vom Grünen Band nach Osten ab (Schierke liegt etwa 3,5 km Luftlinie nordöstlich vom Wurmberg im Tal der Kalten Bode). Über Kramershai und Ulmer Weg (führt nach Elend) erreicht man die inzwischen entwaldete Hochfläche südlich von Schierke mit Panoramaausblicken zum Wurmberg, Großer Winterberg und Brocken. Am Gegenhang des Brockens zog die Brockenbahn ihre Rauchfahne durch den gelichteten Wald. In der Nähe der Schestorklippen (694 m) am Barenberg zweigt unser Braunlager Weg wieder in Richtung Norden nach Schierke ab. An der Mäuseklippe vorbei erreichten wir das Bergdorf Schierke nach rund 17 km Weg an der Brücke der Alten Dorfstraße über die Kalte Bode. Der Luftkurort Schierke (etwa 500 Einwohner) ist ein Ortsteil von Wernigerode (Sachsen-Anhalt), liegt im Tal der Kalten Bode auf 600 bis 650 m Höhe in einer Sackgasse als letzter Ort vor dem Brocken (und der ehemaligen DDR-Grenze). Der Ort zieht sich ganz schön lang über 2 km durch das Tal bergauf: die Jugendherberge liegt am nordwestlichen Ortsrand ziemlich zuletzt am Waldrand. Unterwegs hatten wir an der alten Apotheke „Zum Roten Fingerhut“ auf den letzten Drücker ein paar Fläschchen des alten Heiltrunks Schierker Feuerstein erwerben können (gabs leider nicht auf Rezept). Im Schierker-Feuerstein-Stammhaus erfand der Apotheker Willy Drube 1908 den Kräuter-Halb-Bitter Schierker Feuerstein (benannt nach dem Wahrzeichen von Schierke, der Feuersteinklippe im Wald in der Nähe des Bahnhofs, etwa 1,5 km außerhalb des Ortes). Das Rezept aus Kräutern und Wurzeln + Weingeist ist bis heute ein Familiengeheimnis in der 5. Generation, die Kräuteraufbereitung ist immer noch im Stammhaus, die Produktion und Abfüllung in Bad Lauterberg. Willy Grubes Grabstein-Spruch: „In dieser Erdengrube ruht Apotheker Drube. Oh Wanderer, eile fort von hier, sonst kommt er raus und trinkt mit Dir!“ Lange haben wir uns aber mit den Schierker-Feuerstein-Fläschchen nicht aufgehalten, das waren nur homöopathische Dosen. Unsere Unterkunft hatten wir als Senioren-Wandergruppe in der Jugendherberge Schierke mit Manuela als Erziehungsberechtigte. Die höchstgelegene Jugendherberge (676 m) Sachsen-Anhalts liegt ganz hinten am Ortsrand an der Brockenstraße. Ursprünglich wurde der 1970er-Jahre Neubaublock 1977 als NVA-Erholungsheim „An der Bode“ direkt am Grenzgebiet eröffnet. Nach der Wende 1989 wurde das Haus grundlegend umgebaut und 1999 als moderne Jugendherberge wiedereröffnet: Es gibt 298 Betten in 74 Zimmern, Billard, Kegelbahn, Sporthalle – ziemlich gut ausgestattet. Beim Essen konnten wir noch feststellen, dass wir das Durchschnittsalter nicht wesentlich noch oben getrieben haben, aber vielleicht kam die Jugend ja auch später. Abendprogramm: Während Manu und Dietrich noch Spaß am Osterfeuer im Schierker Stadtpark hatten, waren die Volleyballfans unter uns dank Peters Dyn-Abo livegestreamt beim sensationellen Heimsieg des VfB Suhl gegen den SC Schwerin im 1. Halbfinalspiel zur Deutschen Volleyball-Meisterschaft der Frauen dabei. Gut, dass wir ein paar Feierbiere dabei hatten und den Schierker Feierstein aus der Alten Apotheke.

Kleiner Buchtipp: Isabel Fargo Cole: Die grüne Grenze

Sehr interessante Beiträge zum Thema Harz, Grenze, Brocken, Hohegeiß, Sorge und Elend gibts im Web bei: diegruenegrenze.blog/… (ein Roman von 2017 der US-amerikanischen Schriftstellerin Isabel Fargo Cole, lebt in Berlin).

Osterwanderung Grünes Band 2026: Harz: Start am Kloster Walkenried (Foto: Andreas Kuhrt)

03.-06.04.2026 Osterwanderung Grünes Band: Harz

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Über Ostern 2026 setzten wir unsere Wanderung am Grünen Band (ehemalige Grenze DDR/BRD) vom Endpunkt der Vorjahresetappe am Kloster Walkenried fort. Wir waren wieder 4 Wanderpaare = 8 „Stammwanderer“ aus Suhl, Ilmenau und Arnstadt. Die drei Etappen führten dies mal durch den Hochharz: Walkenried – Hohegeiß – Schierke – Brocken – Bad Harzburg + eine Rundwanderung zur Rabenklippe bei Bad Harzburg.

Eigentlich wollten wir ja bei dieser Osterwanderung auf dem Brocken übernachten mit Etappen nach Sorge, Brocken und Eckertal (wie im Wanderführer „Grünes Band – der Norden“ von Anne Heartel). Die Übernachtung im Brockenhaus war knapp ein Jahr vorher gebucht und bestätigt. Da hatten wir die Rechnung aber ohne den Brockenwirt gemacht, denn der hat Ende 2025 bekanntgegeben, das Brockenhotel ab 2026 nicht weiterzubetreiben. Der neue Betreiber Timberjacks aus Göttingen will das Hotel nach Umbau erst 2027 als „Brocken Mountain Lodge“ (ich stelle mir diese „Berghütte“ dann wie am Kilimandscharo vor) wiedereröffnen. Damit war unsere Brocken-Übernachtung am 04. April geplatzt und wir mussten alle Unterkünfte mit annehmbaren Wanderetappen neu planen. Unsere neuen Unterkünfte waren: Mikes Fewo in Hohegeiß, Jugendherberge in Schierke und Stadtparkhotel Alexandra in Bad Harzburg, alle halbwegs preiswert und gut ausgestattet.

03.04.2026 Kloster Walkenried – Hohegeiß

Unsere erste Wanderetappe führte deshalb von Walkenried nach Hohegeiß, ein kleines Bergdorf (Ortsteil von Braunlage, etwa 850 Einwohner, auf 620 m Höhe) in Niedersachsen direkt an der ehemaligen DDR-Grenze, jetzt Landesgrenze nach Sachsen-Anhalt. Der Parkplatz am Klosterweg beim Kloster Walkenried (Wanderstart auf 268 m Höhe) ist für die Wanderung am Grünen Band (hier auch Harzer Grenzweg genannt) ein guter Ausgangspunkt: gut ausgebaut, keine Gebühren oder Beschränkungen, direkt am Einstiegspunkt zur Tour. Die Anfahrt für unsere Grünes-Band-Osterwanderungen dauern inzwischen mit zunehmender Entfernung von Suhl natürlich immer länger: mit dem Auto von Suhl nach Walkenried etwa 2 h (160 km), eine Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln dauert etwa 3,5 h (+ 1 km zusätzlicher Weg vom Bahnhof) und war deshalb keine annehmbare Alternative.

Osterwanderstart beim Kloster Walkenried

Nach der Verteilung der Osterdeko für die Rucksäcke und einen Blick auf die Ruine der Klosterkirche Walkenried gings kurz nach 10 Uhr los: ein 1,8 km kurzer Zuweg führt durch Wald und Felder zur Rotbuche an der ehemaligen DDR/BRD-Grenze zwischen Walkenried (Niedersachsen) und Ellrich (Thüringen). Der kleine Grenzübergang an dieser Stelle für Fußgänger, Autos und Güterzüge wurde am 11.11.1989 geöffnet. Daran erinnert eine damals gepflanzte Rotbuche, ein Gedenkstein zum 20. Rotbuchenfest 2009, ein übrig gebliebener DDR-Grenzpfahl, ein Info-Pavillon mit Schautafeln und natürlich die obligatorischen Grenzöffnungstafeln (bei denen sich inzwischen ein Grenzöffnungsdatumratewettbewerb etabliert hat). 200 m vor der Grenz-Rotbuche trifft man auf Thüringer Gebiet auf den Beton-Lochplatten-Kolonnenweg der DDR-Grenzer, ein Wahrzeichen, dass man auf dem richtigen Grenzweg am Grünen Band ist und ein Fluch für Wanderer und Radfahrer. Dieser Kolonnenweg begleitet auf ehemaligem DDR-Gebiet die gesamte Grenze und diente der Grenzkontrolle und Zugriff durch die Grenzsoldaten mit NVA-Fahrzeugen wie IFA P3, Trabant Kübel, Wartburg Kombi, MZ-Motorräder, Barkas, Robur und W 50. Zum Wandern oder Radfahren sind die umknickgefährlichen und rumpelnden Lochplatten alles andere als ideal, aber für Grenzwanderungen waren sie ja auch nicht vorgesehen. Trotzdem gefallen mir die Lochplatten eigentlich ganz gut, weil man weniger Betoneindruck und mehr Natur-Illusion durch den Bewuchs hat und manchmal kleine Blumenbeete darin entdecken kann.

Kolonnenweg bei Ellrich bis zur Wendeleiche

Der Harzer Grenzweg bei Ellrich ist erst mal ziemlich eben bis er nach dem Flüsschen Zorge (auf ca. 300 m Höhe) im Wald zum Spitzen Winkel (Kolonnenweg-Abzweig) in Richtung Großer Staufenberg (554 m) langsam ansteigt. Weil wir eine Schutzhütte fürs Mittagspicknick gesucht hatten, haben wir den Kolonnenweg im Ellricher Stadtwald verlassen, sind 300 m nach Niedersachsen rübergemacht und haben es uns in der Stiefmutter-Hütte mit Aussicht auf die Hundertmorgenwiese gemütlich gemacht. Bisher hatten wir auf dem Grünen Band keinen anderen Wanderer getroffen, aber in der Stiefmutter-Hütte ist die Stempelstelle 164 Stiefmutter der Harzer Wandernadel. Und diese Stempelstellen scheinen Wanderer und Biker magisch anzuziehen wie das Licht die Motten, zum Leidwesen von Peter, der unter dem Stempelkasten saß und für 4 oder 5 Stempler den Kopf einziehen musste. Nach einem ersten/zweiten Ostereierlikörchen gings weiter bergauf zur Wendel-Eiche, die direkt auf der Grenze zwischen Niedersachsen und Thüringen in 586 m Höhe liegt (mit HWN-Stempelstelle 165). Das ist keine Leiche aus Wendezeiten, sondern eine inzwischen abgestorbene und entwurzelte früher mal 19 m hohe Traubeneiche, an deren Stamm 1901 eine Eisen-Wendeltreppe zu einer Aussichtsplattform in der Baukrone gebaut wurde. Mit Blick zum Brocken und in das Südharzvorland war die Wendel-Eiche früher einer der beliebtesten Aussichtspunkte der Gegend. Während der DDR-Zeit waren Wander-Aussichtspunkte an der Grenze aber eher sinnlos, so dass die Eisenkonstruktion bis auf einen Spiralrest abgebaut wurde und nun ist das daniederliegende Baumskelett doch eine Art Baumleiche. Etwas neben der Wendel-Eiche gibts nun einen Brockenblick durch eine Waldschneise zum Wurmberg und Brocken in knapp 20 km Entfernung.

Von der Wendeleiche nach Hohegeiß

Direkt auf der ehemaligen DDR-Grenze geht es wieder bergab zum Ehrenplan (Wiese mit Schutzhütte, 562 m) und natürlich wieder bergauf zum Großen Ehrenberg (634 m). Der wirklich sehr steile Anstieg auf dem Kolonnenweg wird rechts auf dem moderater ansteigenden Ihlfelder Stieg umgangen (der tatsächliche Grenzverlauf nimmt meist auf topografische Hindernisse keine Rücksicht). Nach dem Großen Ehrenberg kommt man bald wieder auf den Kolonnenweg und nach insgesamt 13 km Strecke zum Dreiländerstein (579 m) an der Verbindungsstraße Hohegeiß (Niedersachsen) – Rothesütte (Thüringen). Der Grenzstein wurde 1750 gesetzt zwischen: Herzogtum Braunschweig (HB), Amt Benneckenstein (AB), wurde später umgepickert zu Königreich Preußen (KP) und Gräflich-Wernigeröder Forstgebiet (GW). Jetzt markiert der Stein das Dreiländereck Niedersachsen/Thüringen/Sachsen-Anhalt. Damit hatten wir am Dreiländerstein das Thüringer Gebiet verlassen und sind auf unserer Wanderung nach Sachsen-Anhalt kommen. Ab dem Dreiländerstein (hier gibt’s auch eine Sonderstempelstelle der Harzer Wandernadel) steigt der Kolonnenweg in welligem Auf und Ab über 4 km bis auf 625 m Höhe in Hohegeiß. Neben dem Grenzweg verläuft die Straße B4 und man gewinnt erste einprägsame Eindrücke vom Fichtenwaldsterben im Harz – eine Art Ruhewald, nur, dass hier der Wald selbst gestorben ist.

Hohegeiß

Das Bergdorf Hohegeiß kam mir ein bisschen abgehängt vor. Immerhin gibt’s ein Kur- und Messehaus Panoramic (im Hochhausstil), einige Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen, die ansehnliche Holzkirche Zur Himmelspforte (1704), das heimelig-üppig dekorierte Antjes Blumen-Café (Antje Splieth sagte allerdings, dass sie das Café ab September 2026 nach 16 Jahren schließen will, um noch mal was anderes machen zu können) und das Landhaus Bei Wolfgang (Renate und Friedrich Backes) mit mediterranen und deutschen Spezialitäten (gemütlich, sehr freundlich-verbindlich, Spezialitätenpreise, Stammkunden, Vorbestellung ratsam). Unsere zwei Mikes Ferienwohnungen für 8 Personen waren groß, gut ausgestattet und preiswert. Im selben Haus betreibt Mike einen Brötchen- und Kaffeeladen, z.B. fürs Frühstück.